Der verwundete Engel

Die Sage als Hörbuch

Dauer: 50 Minuten

Der verwundete Engel

Von allen Sagen, die rund um den Arenkur erzählt werden, ist die Geschichte von dem verwundeten Engel, der von einer Frau gerettet wird wohl die bekannteste, die am häufigsten erzählte, und es existieren unzählige Variationen von ihr.

In den ältesten Quellen wird die Geschichte nicht so ausführlich erzählt. Die wesentlichen Ereignisse werden auch hier beschrieben, die Schlacht auf dem Berg, der verwundete Engel und die Frau, die ihn auf dem Berg findet. Seine anschließende Heilung und die Zeit der Pflege findet sich dort ebenfalls.

Auch der Kampf mit den Wölfen wird geschildert. In der ursprünglichen Version werden die nachfolgenden Geschehnisse jedoch anders erzählt. Der Engel kehrt nicht in den Himmel zurück, sondern er kämpft in vielen weiteren Schlachten zusammen mit den Kriegern des Stammes, die schlussendlich siegreich das ganze Tal beherrschen. Hier wird die Geschichte als Heldensage erzählt. Berichtet wird von tapferen Kriegern, die mit ihrem göttlichen Beistand einen unglaublichen Sieg nach dem anderen erringen. Die zwei Berge Schlacht ist dafür ein gutes Beispiel.

Als Dank für die Hilfe des Engels erbauen ihm die Krieger einen steinernen Tempel, hoch oben am Berg. Das ist wahrscheinlich ein Verweis auf alte Kultstätten, die tatsächlich am Arenkur gefunden wurden.

Die Schwierigkeit bei den ältesten Versionen liegt darin, dass sie in Versform erzählt werden, mit vielen rituellen Wiederholungen. Die Wendung „goldener Engel, Krieger des Himmels“ ist dabei die am häufigsten verwendete Beschreibung.

Ungewöhnlich ist, dass es sich um eine Sage handelt, die ausschließlich aus dem Blickwinkel einer Frau erzählt wird. Die üblichen Heldensagen werden entweder von einem Erzähler oder von einem der Helden selbst geschildert.

Die hier abgedruckte Version der Erzählung verzichtet bewusst auf die später eingefügten langatmig ausgeschmückten Episoden, bei denen auch Bruchstücke von anderen Sagen und Mythen mit eingebaut wurden.

Die hier verwendeten Sätze sind kurz und gleichen damit der ursprünglich verwendeten Versform.

Doch nun zur Geschichte selbst.

 

Einen Tag und eine Nacht lang tobte der Krieg über den Gipfeln des Arenkur. Mächtige Feuerbälle flogen um den Berg. Schwarze Wolken zogen über die felsigen Spitzen. Wolken, geschaffen aus klebrigen Pech und schwarzen Feuer. Grelle Blitze schossen aus diesen Wolken nach unten. Trafen auf Stein, trafen auf Eis. Feuer auf dem Arenkur. Zornige Flammen inmitten von Schneefeldern.

Das Bersten und das Krachen von Gestein. Mächtige Blöcke gespalten, zertrümmert. Zerschlagen in raue, unförmige Brocken. Weit hinausgeschleudert, ein Kreis aus Felsentrümmern.

Dann, nichts mehr. Stille. Ruhe. Das Ende.

Kein Laut war mehr zu hören.

Es war vorbei.

Sie tritt hinaus vor die Hütte und blickt hinauf zu dem Berg.

Die Bergspitzen ruhen, bedeckt von Schnee, friedlich in der aufgehenden Sonne. So als hätte der Kampf in der Nacht nie stattgefunden. Die Strahlen der Sonne glänzen auf den Schneefeldern, tausendfach gebrochen von den eisigen Kristallen, strahlen sie weit hinaus über das Tal. Der Sonnenberg, der Arenkur, zeigt sich wieder in seiner vertrauten Gestalt. Gleichgültig, ewig, immer gleich, schickt er sein Licht über das Tal.

Sie hätte wieder in ihre Hütte zurückgehen sollen. Sie hätte die Ereignisse der Nacht vergessen sollen. Das wäre das Richtige gewesen.

Denn der Krieg, oben am Berg, der geht sie nichts an. Es ist nicht ihr Krieg. Was draußen in der Welt geschieht, das geht sie nichts an. Die Welt kümmert sich nicht um sie, hat sie vergessen. Warum soll sie sich um die Welt kümmern?

Noch immer steht sie da draußen, noch immer blickt sie nach oben. Schaut, denkt nach, erinnert sich. Wie es begonnen hatte.

Vor vielen Jahren.

Mit zwei Menschen, die herauf geflüchtet waren vor den Menschen, vor der Enge des Tales. Zwei Menschen, die geglaubt hatten, es wäre möglich zu entfliehen, zu entkommen dem Schicksal im Tal.

Der Berg ist verflucht, hatte man ihnen gesagt. Niemand siedelt auf dem Berg. Denn der Berg duldet keine Menschen auf sich.

Sie hatten über die Menschen im Tal gelacht. Über ihre Einfalt, über ihren blinden Aberglauben. Dort oben gab es frische Wiesen, genügend Platz für Tier und Mensch. Dort oben, könnten sie frei sein. Könnten von oben blicken zurück auf das Tal, auf das ewig gleiche, auf kleine Menschen mit kleinen Träumen. Gefangen in ihrer Welt.

Gemeinsam waren sie auf den Berg gezogen, hatten gemeinsam ihre Hütte erbaut, Felder eingezäunt, sich um die Tiere gekümmert.

Die neuen Felder gaben reichlich Ernte, die Tiere wuchsen und gediehen. Gemeinsam waren sie glücklich. Das Leben lag vor ihnen, ein goldener Pfad, voller Versprechungen für die Zukunft.

Sie legte einen kleinen Garten an. Pflanzte an, Essbares, Nützliches, Schönes.

Auf dem Berg entdeckte sie seltene Heilkräuter, auch diese brachte sie in ihren Garten. Kümmerte sich um sie, schützte sie, erfreute sich an neuem Leben. Der Garten wächst, verspricht reiche Ernte.

Der Berg war gut zu ihnen. Schenkte ihnen freigiebig von seinen Gaben. Reines Quellwasser, fruchtbare Weiden, der endlose Wald mit all seinen Reichtümern an Holz, Reisig, Eicheln und Wild.

Der Berg versprach ihnen Freiheit und er hatte sein Versprechen gehalten. Drunten im Tal, war alles gleich geblieben. Misstrauisch blickten die Menschen auf sie, gönnten ihnen nicht das gemeinsame Glück, den neuen Reichtum.

Wer sich mit dem Berg verbündet, dem traut niemand mehr im Tal. Wer die Gemeinschaft verlässt, der gehört nicht mehr dazu. So kam es, dass niemand aus der Siedlung mit ihnen etwas zu tun haben wollte. Am Markttag sprach niemand mit ihnen, keiner lud sie ein zu Familienfesten, zu gemeinsamen Feiern.

Sie waren die Ausgestoßenen am Arenkur und sie hatten nur einander.

Doch das war genug.

Dann, kaum ein Jahr später, veränderte sich alles. Der Winter waren lang und kalt, der Boden verlor seine Kraft, karge Wiesen, zu wenig Heu für die Tiere im Winter.

Ihre kleine Hütte, ein Ort der Gemeinsamkeit und des Friedens, war ihr letzter Rückzugsort. Solange, bis er, ihr immer so starker und gesunder Mann von der Krankheit getroffen wurde. Eine langsame, zähe Krankheit. Geduldig, bedächtig, unerbittlich, nicht aufzuhalten.

Das Leben, es verließ ihn. Es war als würde jemand das Leben aus ihm heraus saugen. Jeder Tag ein Stück Leben weniger. Er wurde kurzatmig, verlor seine Kraft, seine Zuversicht. Konnte nur mehr sitzen, dann nur mehr liegen.

Sie versuchte alles, suchte in den Orten des Tales nach Heilung. Brachte den Priester, brachte den Heiler mit in ihre Hütte. Wartete, hoffte, betete. Sie sprach mit den Göttern des Himmels, sang die Segenssprüche, legte Amulette um, sprach mit den Schutzgeistern.

Die Heilkräuter im Garten, sie mischte sie zu starken Salben und Arzneien. Sie erinnerte sich an die Lehren ihrer Mutter.

An die Kraft der Kräuter. In jedem Kraut steckt etwas von der Kraft des Berges. In jedem Kraut lebt etwas von der Kraft der Sonne.

Alles vergeblich. Die Kräuter kamen nicht an gegen die Macht der Krankheit. Der Priester konnte nicht helfen, wollte nicht helfen. Der Heiler wurde schweigsamer und schweigsamer, bis er eines Tages nicht mehr kam. Sie in Stich lies. Sie beide, oben alleine am Berg.

Alles schien zum Stillstand zu kommen. Und zu warten. Der Berg wartete, die Götter warteten. Sie selbst wartete. Der letzte Tag. Schmerzen, Leiden, ein letztes Anklammern an das Leben. Verzweiflung.

Es war vorbei. Zwei waren sie gewesen. Eins war sie jetzt.

Sie selbst begrub ihn, lehnte alle Hilfe ab, lehnte die Worte des Priesters ab. Sie ging nicht mehr in die Orte des Tales. Nur mehr das Notwendigste tauschte sie ein, sprach mit niemanden. Stieg, stumm, ohne Worte, zurück auf dem Berg. Verschwand aus dem Leben, verschwand auf dem Berg.

Die Welt hatte sie vergessen. Und sie schaute nicht mehr in die Welt.

Doch jetzt steht sie vor der Hütte. Schaut, schaut nach oben und sie möchte wissen.

Wie ein unsichtbarer Käfig hatte der Hof sie umgeben, sie abgeschnitten von der Welt dort draußen. Für sie hatte die Welt aufgehört zu sein, war zu etwas Fernen, etwas Fremden geworden.

Aber jetzt hungert sie nach der Welt, sie sucht nach Antworten, sie sucht nach dem Sinn hinter dem allen.

Die Antworten auf ihre Fragen würde sie nicht im Tal finden. Aber vielleicht oben, oben auf dem Berg, nahe bei den Göttern. Sie würde nach dem Warum fragen, nach dem Leben und nach dem Tod.

Sie hat keine Angst, nicht um sich selbst. War sie doch schon lange ein Gast im Land der Toten.

Feste Wolle gegen die Kälte, der Umhang aus Loden gegen Wind und Regen, ein verknotetes Leinentuch für ein halbes Brot. Das ist nicht viel, aber es kümmert sie nicht. Der Berg wird entscheiden, ob sie den Gipfel erreicht oder nicht. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlt sie sich wieder frei.

Den Umhang festgebunden, beginnt sie mit ihrem Aufstieg.

Zuerst entlang dem oberen Waldpfad, der Weg noch weiß bedeckt mit dem Reif der Nacht. Ihre Schritte knirschen auf dem frischen Reif, drücken ihn in die Erde.

Von den Waldwegen zweigen versteckte Tierpfade ab, schmal, eng, ausgewaschen.

Sie steigt weiter nach oben, immer weiter nach oben.

Der Weg endet, jeder Pfad endet. Abhänge, Schatten, die letzten Reste von kümmerlichen Gras. Einzelne bunte Almblumen, die sich an die karge Erde klammern. Das ist das Reich der Gämsen, der schnellen, huschenden Murmeltiere.

Weiter, weiter nach oben.

Steine, Geröll, Felsentrümmer, es wird gefährlich. Die Hänge steil, rutschig, manchmal verliert sie den Halt.

Das hier ist nicht ihr Heimat, hier hat sie nichts zu suchen. Das Land der Menschen liegt weit unter ihr. Kein Mensch lebt in dieser Höhe.

Weiter nach oben. Hinauf in die Kälte, hinauf zu den felsigen Abhängen des Berges.

Das Leben, es liegt unter ihr. Das hier ist das kalte, steinerne Hochland des Berges. Hier kämpfen die Elemente gegeneinander.

Schnee, der die Felsen bedeckt. Eis, das die Felsen aufspaltet, kämpft, drückt, schiebt, Platz findet in jedem Riss, in jeder Furche.

Der gierige Wind, gewohnt über alles zu herrschen, hämmert über die Flanken, tobt, muss aber dem Berg weichen. Er jagt, eilt, schießt über Einschnitte und Spalten. Heult hinaus seine Kraft, seine Stärke, hetzt hinaus über den Berg, weiter, immer weiter, über neue Täler, neue Ebenen, weit hinaus auf das vereiste Meer. Ewig auf der Jagd, ohne Sorgen, ohne Mitleid, herrscht er über den Himmel. Getrieben von der Kraft der Sonne kennt er kein Gestern und kein Morgen.

Kein Sterblicher hat hier oben etwas zu suchen. Der Berg schaut hinunter ins Tal, die Bewohner des Tales schauen hinauf zum Berg. Das ist alles, es gibt keine Verbindung, keine Gemeinsamkeit zwischen den beiden Welten.

Immer noch geht sie weiter, hält sich fest an Vorsprüngen, versinkt im Schnee, fällt in den Schnee. Darunter das glatte Eis.

Jeder Schritt eine Gefahr, doch jeder Schritt bringt sie näher an ihr Ziel.

Dann, endlich, der Berg weitet sich, tritt zurück, öffnet sich vor ihr. Eine weite Hochebene liegt vor ihr. Eine Welt des Schnees und der schimmernden Kristalle.

Aber das glänzende Weiß, das sonst in seiner ganzen Pracht die Ebene bedeckt, es liegt da, zerschnitten, zerteilt, verwüstet. In den Wunden des Eises und des Schnees, dunkle, schwarze Verbrennungen. Schwarze Kessel, verbrannte, gezackte Rillen. An zwei, drei Stellen brennt die Erde noch immer, brennt mit fetter, öliger Farbe, brennt im Schneefeld. Ein dunkler, niedriger Rauch steigt auf, wälzt sich über die weiße Ebene. Ruß fällt auf den Schnee, färbt das Weiße. Färbt es Schwarz.

Aus dem Feuer im Schnee, drängt sich in kleinen Rinnsalen, wirr und durcheinander, dunkles Wasser. Schmelzwasser findet seinen Weg nach unten. Fließt zusammen, bildet einen dunklen Bach, stürzt über die Flanke des Berges. Es färbt die Felsen schwarz.

Wasser ergießt sich nach unten, der Berg weint, der Berg weint über seine Wunden. Eiskalte Tränen, dunkle Tränen.

Zerbrochenes, verbogenes Metall ragt vor ihr auf, dort im verschmutzten, rußigen Weiß. Scharf, gesplittert. Aneinandergedrückt mit unvorstellbarer Wucht, zerrissen von unbekannten Mächten, zerstört von unmenschlichen Kräften.

Es ist ein Feld des Krieges, das Ende einer Schlacht und noch nie, noch nie hat sie so etwas jemals gesehen.

Kein Mensch hat das jemals gesehen. Dieses Metall, diese großen Maschinen aus Metall, woher kommen sie? Wer kann so etwas herstellen? Kein Schmied kann das anfertigen, auch nicht zehn Schmiede, nicht einhundert.

Wer hat die Macht, all das zu zerstören? Welche Kräfte braucht es dazu? Welche Armee hat solche Waffen, welcher Krieger kämpft mit solchen Waffen? Welcher magischer Zauber erschafft und vernichtet diese Maschinen?

Sie sieht, dass die Legenden wahr sind. Dieser Berg ist ein Berg des Krieges, des ewigen Krieges und hier oben ist kein Platz für eine Frau wie sie. Sie ist in einer fremden Welt.

Hier ist sie ein Niemand, ein Eindringling. Unwichtig, unerwünscht.

Niemand wird ihre Fragen beantworten, niemand wird mit ihr sprechen. Dieser Ort beantwortet keine Fragen, dieser Ort ist nur ein Schlachtfeld im ewigen Krieg der Götter.

Die Götter haben ihr Werk getan, sie haben Feuer und verwundete Erde hinterlassen. Keine Antworten.

Ihr Weg nach oben? Vergeblich. Ihre Hoffnung? Vorbei und erloschen.

Noch einmal schaut sie, blickt auf das Feuer im Schnee, auf das zerstörte Metall, den dunklen, rußigen Bach der aus dem weißen Schlachtfeld fließt.

Zeit zu gehen. Zeit zurück zu gehen in das Tal.

Ein, zwei Schritte, dann bleibt sie stehen.

Sie hat etwas gehört.

Sie hört es wieder, schwach, über das Knistern der Flammen, über das Gurgeln des Wassers, über das leise Raunen des Windes.

Eine Stimme, ein Stöhnen. Schmerzen.

Leben. Leben hier oben. Hier ist noch jemand.

Dann, nichts mehr, nur mehr die Stille des Berges.

Später, viel später wird sie darüber nachdenken, ob sie eine Wahl gehabt hat. Ob es ihr Schicksal war oder ihr eigener Wille.

Ob sie auf diesen Pfad geführt wurde oder ob sie ihn freiwillig betreten hat.

Ob es manchmal so ist, dass nicht der Mensch die Hilfe der Götter braucht, sondern manchmal die Götter die Hilfe eines Menschen benötigen.

Sie dreht sich um, geht nicht nach unten.

Vorsichtig betritt sie das Schneefeld, auf das äußerste gespannt. Mit großen Schritten setzt sie hinüber, steigt über die dunklen Wasserläufe, vorbei an der brennenden Erde. Nach oben, hinauf zu einem der schwarzen, unförmigen metallischen Giganten, der halb liegend, zerschlagen aus dem Schnee ragt.

Sie geht weiter, berührt furchtsam das kalte, dunkle Metall dieser fremden Maschine, die nicht in dieser Welt geschaffen wurde.

Geht daran vorbei, steigt über zerfetzte Metallstangen und Platten aus Metall, die zerstreut im Schnee liegen.

Blickt hinter den metallischen Koloss, ein einziger Blick nur, und alles verändert sich in ihrem Leben.

Eine Vision, wie ein Blitzschlag, der sich auf ewig einbrennt in ihren Augen, sich für immer festsetzen wird in ihren Gedanken.

Eine Erscheinung. Es kann nicht wahr sein, was sie sieht. Es ist nicht möglich.

Denn der, der da liegt, das ist kein Mensch.

Er liegt regungslos, blutend im weißen Schnee. Seine Rüstung, geschmiedet aus weißen Metall mit goldenen Mustern, ist angesengt, verformt, aufgerissen.

Seine Arme ausgestreckt, auf beide Seiten. Ebenfalls ausgebreitet, auf dem Schnee, zwei Flügel. Goldene Flügel.

Ein Krieger des Himmels, ein goldener Engel.

Alles, was sie tun kann ist zu schauen. In ihrem Kopf, Gedankensplitter, Erinnerungen an alte Sagen, Bruchstücke von schrecklichen Predigten. Weissagungen, Verwünschungen, Warnungen vor dem Berg, vor dem Zorn der Götter.

Sie erstarrt, ist willenlos, kann sich nicht bewegen.

Eine Stimme spricht zu ihr. Eine Stimme in ihrem Kopf. „Hilf ihm!“

Vorsichtig geht sie auf den Krieger zu. Bückt sich hinunter zu ihm, kniet sich vor ihm hin. Berührt scheu sein Gesicht, tastet über das fremde Metall seiner Rüstung.

Er sieht sie an, versucht zu sprechen, vergeblich.

Sie beugt sich vor, ganz nahe, versucht ihn zu verstehen.

Er blickt sie an. Sie sieht in seinen Augen ein tanzendes, goldenes Feuer.

Sie wird dieses feurige Gold wieder sehen. Später, wenn er von seiner Heimat spricht, später, wenn er von ihnen beiden spricht. Wenn er, noch in aller Frühe nach außen geht und in die Sonne blickt. Hinauf in den Himmel, hinauf in eine andere Welt.

Aber das ist noch Zukunft, es ist noch nicht geschehen, wird vielleicht nie geschehen, wird nie zur Wahrheit werden.

Sie kann ihn retten. Noch ist Leben in ihm, noch ist es nicht zu spät.

Und sie versteht, dass das die Antwort ist, die sie gesucht hat. Die Antwort, warum sie auf den Berg gestiegen ist.

Jemand hat nach ihr gerufen. Jemand braucht sie, braucht ihre Hilfe.

Sie versucht ihn zu bewegen, ihn zu ziehen. Vergeblich, er ist zu schwer. Seine Rüstung, seine Flügel behindern ihn.

Sie löst Teile seiner Rüstung, löst das schwere Metall von ihm. Die Flügel, ebenfalls Teile seiner Rüstung, sie bleiben zurück. Sein Blut zeichnet rote Streifen im weißen Schnee.

Noch immer kann sie ihn nicht bewegen.

Sie steht auf, öffnet ihren Umhang, wickelt sich aus ihrer schützenden Kleidung.

Die Kälte greift nach ihren Körper, zieht die Wärme aus ihr.

Sie legt den Umhang auf die Erde, wälzt, zieht den Verwundeten auf diese feste Unterlage. Der Umhang verteilt die schwere Last, die Last gleitet auf dem Schnee.

Mit beiden Händen greift sie nach dem Umhang und beginnt zu ziehen.

Er kann ihr nicht helfen. Der verletzte Engel, der auf die Erde gefallen ist, er befindet zwischen Leben und Tod. In ihm, ein letzter Rest von dem goldenen Feuer, dass in ihm brennt. Ein dünner, goldener Lebensfaden, der ihn noch in dieser Welt hält.

Abhang für Abhang, Weg für Weg, kämpft sie sich nach unten. Langsam, stockend. Sie rutscht aus, fällt, steht wieder auf.

Es ist ein Stolpern, ein Ziehen, ein Kampf. Mehrfach, wenn die Schmerzen in den Händen zu groß werden, wenn die Kälte sich in ihrem Körper festsetzt hält sie inne, bleibt stehen. Nur für kurze Zeit.

Die Kraft, sie verlässt sie. Sie muss sich setzten, sich ausruhen. Stoßweise, keuchend kommt ihr Atem.

Hinlegen, hinlegen und an nichts mehr denken. Die Kälte zulassen. Die Kälte füllt den Körper aus, macht ihn starr, unbeweglich, tötet den Schmerz. Die Kälte, das heißt Stillstand, das Ende des Kampfes. Die Kälte, die Kälte ist ihr Freund. Die Kälte ruft nach ihr, will sie haben. Gemeinsam ruhen, für immer. Hier oben am Berg.

Es ist vorbei. Keine Kraft mehr aufzustehen, keine Kraft für Tränen. Der Schnee wird sie zudecken, sie verstecken vor der Welt. Wie eine Decke wird er sich über sie legen, ihren Schlaf bewachen.

Sie ist bereit sich fallen zu lassen.

Doch sie ist nicht alleine.

Eine Stimme hat zu ihr gesprochen, ein Engel hat nach ihr gerufen. Er braucht sie. Sie wird ihn nicht liegen lassen im Schnee. Sie wird ihn retten.

Sie steht auf. Taumelt, der Schmerz ist zu groß. Es sind nicht mehr ihre Hände, die nach dem Engel tasten, den Umhang packen und ihn weiterziehen. Diese Hände gehören nicht mehr zu ihr, sie fühlt sie nicht mehr. Die Hände greifen von selbst, taub, gefühllos. Aber die Hände lassen nicht los. Halten fest, greifen, ziehen.

Ziehen die Last weiter.

Es kann nicht gelingen. Sie ist nur eine schwache Frau, halb erfroren in der unerbittlichen Kälte.

Sie alleine hat nicht die Kraft. Doch der Berg hilft ihnen. Er öffnet seine Wege für sie. Hilft ihnen nach unten.

Schneefelder, über die sie gleiten können. Weiße Abhänge, die sie sachte nach unten tragen. Wiesen, mit einem weichen Teppich aus Gras, der sie langsam nach unten bringen. Blätter und Fichtennadeln bilden eine Decke, lose über dem Waldboden, lassen die Last über sich gleiten.

Alles hilft ihr, diese Bürde zu bewegen.

Dann ist es geschafft, vollbracht. Ein Wunder. Zurück auf dem eigenen Hof, die Sonne fängt bereits an unterzugehen.

Feuer. Das ist das erste das sie denkt. Feuer, Wärme. Sie schichtet das Holz auf im Kamin, ein mächtiger Stoß. Ein Funke, noch ein Funke, eine Flamme wächst auf dem Span, leckt nach dem Holz, fordert gierig nach mehr Nahrung, wandert weiter, findet neue Heimat, lodert, flammt auf, wird breiter, höher, herrscht über das Holz, eine stolze Flamme tanzt in dem steinernem Kamin.

Neues Licht strahlt in der Hütte, findet Wände, leuchtet, wird gebrochen, spiegelt sich an den Metall, erhellt Wand und Decke. Wärme zieht ein in die Hütte. Wärme, die neues Leben verspricht.

Sie kann nicht in der Wärme bleiben, muss weiter, muss nach außen. Sie verlässt die Hütte, geht, mit steifen Schritten über den steinernen Weg hin zu ihrem Garten.

In ihrem Garten wächst die Kraft. Heilkraut an Heilkraut, vielfältig, Blatt und Blüte, manche Wurzel voller Leben. Kräuter, die in der Talebene wachsen tragen nur einen kleinen Teil dieser Kräfte in sich. Hoch oben, hoch oben am Berg zeigen sie ihre wahre Natur. Wurzeln, die sich tief in die Erde strecken, auf der Suche nach Halt und Wasser, Blätter, die darum kämpfen jeden Sonnenstrahl in sich aufzunehmen. Kälte, vor der sich die Pflanze schützen muss. Kälte, die ihre Kraft wachsen lässt, ihr Überleben schützt.

Diese Kraft, diese verborgene Kraft der Kräuter vermag zu heilen. Es braucht einen Heilkundigen, der ihre Kräfte freilegt, sie bindet, sie verbindet zu etwas Wirksamen, zu etwas Lebendigen.

Zurück in der Hütte.

Noch immer kann sie sich nicht ausruhen, sich setzen. Die Kräuter, sie müssen zerstoßen werden, erwärmt, vermischt.

Wunden, die gepflegt werden müssen. Kein Ausruhen, kein Ausruhen für sie. Diese Stunden entscheiden über das Leben. Die Pflanzen, die heilenden Kräuter werden ihre Kräfte gegen die Macht des Todes messen. Die Energien der Sonne und des Lichts gegen den ewig lauernden dunklen Feind.

Sie wird nicht zulassen, das sie noch einmal verliert. Sie darf nicht verlieren, sie wird nicht verlieren.

Die Stunden vergehen, schon lange hat die Nacht ihre Decke über das Land geworfen. Dunkelheit, aber oben am Berg, aus dem Fenster einer Hütte leuchtet noch ein Licht. Die ganze Nacht hindurch leuchtet dieses Licht. Manchmal ist ein Schatten zu sehen, so als würde jemand in dieser Hütte auf und abgehen. Manchmal scheint das Licht des Feuers schwächer zu werden, droht zu vergehen. Aber dann wächst es wieder an, neue Flammen, neues Holz. Kein Rauch ist zu sehen in der Dunkelheit, nur der feurige Glanz in dem Fenster. Einsam, wie ein Stern strahlt das nächtliche Licht am Arenkur. Ein Funke Hoffnung.

Die Nacht ist vorüber, das Feuer erloschen. Stille. Der neue Tag wächst heran, streckt sich, erobert die Welt.

Es ist ruhig in der Hütte. Kein Fenster öffnet sich, keiner tritt vor das Haus. Stille.

Die goldene Sonnenscheibe steht hoch oben am Himmel. Sendet ihre warmen Strahlen in das Tal, malt goldene Muster auf den Berg. Kein Laut dringt aus der Hütte.

So, als hätte die Zeit aufgehört zu sein.

Dann, plötzlich, Schritte, Bewegung. Zeichen von Leben.

Sie öffnet die Türe. Bleibt stehen, schaut auf den neuen Tag. Schaut nach oben, hinauf zur Sonne, hinauf zum Berg.

Ihre Bewegungen sind langsam, ihr Körper ist müde. Geschwächt von ihrem langen Aufstieg gestern auf den Berg, müde von der nächtlichen Wache.

Doch in sich spürt sie eine neue Wärme, eine Kraft, die ihre Müdigkeit überstrahlt, ihre Schmerzen lindert.

Diese Wärme, diese Kraft, ihr Name ist Hoffnung.

Die Zeit, sie verliert ihren gewohnten Lauf. Die Tage verschmelzen ineinander, Nächte kommen und gehen. Stunden verschwinden, lösen sich auf, verlieren sich ins Nichts.

Einige Stunden Schlaf, sei es Tag oder Nacht. Lange Zeit der Wache, das Lauschen nach dem tiefen Atmen. Das Sehen, das Suchen nach Veränderung.

Tage vergehen. Sie vergisst sich selbst. Ihr Schlaf ist kurz und traumlos. Sie pflegt die Wunden, heilt den Mann, heilt den Engel.

Dann, eines Tages, von einem Augenblick auf den nächsten schlägt die Furcht ihre Krallen in sie, ein namenloser Schrecken überwältigt sie.

Das Fieber hat ihn verlassen, sein Geist ist zurück gekehrt, lebt wieder im Körper des Kriegers. Der goldenen Engel hat zurück gefunden auf die Erde.

Der, der da lag, das war ein Kranker, den sie gepflegt hat.

Doch der, der jetzt da liegt, das ist ein Fremder. Ein Fremder in ihrer Welt, ein gefährlicher, unbekannter Fremder. Ein Krieger des Himmels.

Der Engel betrachtet sie.

Eine tiefe Furcht steigt in ihr auf. Ein Schrecken, tief verwurzelt in ihr, genährt von alten Sagen und schrecklichen Predigten über das Fremde.

Keinen Muskel rührt sie, sitzt da ganz still, der Atem will ihr vergehen, Kälte steigt in ihr auf. Was wird er tun? Wird er auch sie töten, so wie er die anderen getötet hat, dort oben am Berg?

Er ist kein Mensch, er ist ein Krieger, der in den Schlachten des Himmels kämpft. Fähig zu unvorstellbaren Taten.

Zwei Linien in der Zeit rasen aufeinander zu. Die eine Linie, das ist ihr Leben. Das Leben im Tal, das Leben auf dem Berg. Die zweite Linie ist sein Leben, zeitlos, geschaffen um zu dienen, erzogen um zu kämpfen.

Zwei Linien in der Zeit. Zwei Linien die sich berühren, verbinden, verschmelzen.

Aus Zwei wird Eins.

Er streckt seine Hand nach ihr aus. Versucht sie zu berühren. Blickt sie an und spricht zu ihr in seiner fremden Sprache. In seinen Augen tanzt zum ersten Mal wieder das goldene Feuer.

Sie weicht nicht zurück. Tastet nach seiner Hand. Vorsichtig, langsam, bereit die Hand jedem Moment zurück zu ziehen. Bereit bei Gefahr zu fliehen.

Ihre Finger berühren sich, leicht, suchend.

Seine Hand ist warm, voller Leben, sicher, vertraut.

Sie zieht ihre Hand nicht zurück. Lässt seine Hand auf ihrer Hand.

Einen Moment nur.

Einen Moment im ewigen Strom der Zeit.

Nur ein Moment. Aber das ist genug.

Etwas Neues hat begonnen.

Sein Körper heilt rasch. Schneller als es bei einem Menschen möglich wäre. Ein Bein verheilt nicht richtig, er geht mit einem leichten Hinken. Er versucht es vor ihr zu verbergen, aber sie kann es sehen.

Er geht herum, erkundet die Hütte, entdeckt die nahe Umgebung. Manchmal, ganz in der Früh, geht er nach draußen, blickt auf die aufgehende Sonne, sieht lange nach oben.

Er hilft ihr bei ihren Arbeiten. Schnell lernt er die notwendigen Dinge. Das Füttern der Tiere, die Arbeit mit dem Holz, das Leben am Hof.

Er spricht mit ihr, sie spricht mit ihm. Keiner versteht den anderen. Lachend, wie spielende Kinder, mit Händen und Zeichen gelingt eine Verständigung. Eine Handbewegung erklärt das Eine, ein Zeichen spricht von dem Anderen.

Ein Wort ist ein Zeichen. Viele Zeichen schaffen einen Sinn.

Seine Kraft nimmt zu, seine Wanderungen werden immer länger. Eines Tages deutet er ihr, dass er zurück auf den Berg steigen wird. Er wird etwas holen, etwas das zurückgeblieben ist am Berg.

Sie erschrickt, denkt, er will hinauf auf den Berg, um dort zu bleiben. Aber er deutet ihr, nein, er wird zurück kommen.

Alleine zieht er los, entschlossen, voller Kraft. Noch vor Abend ist er wieder bei ihr, trägt in seinen Händen und am Rücken Fundstücke, Reste von oben.

Metall, Werkzeuge, seltsam geformte Gegenstände. Die ganze Nacht über sitzt er im Schein des Feuers und untersucht seinen Fund. Teilt auf, zerbrochenes und verbranntes, Gerades und Ganzes.

Einen Teil trägt er am nächsten Tag nach außen, hebt eine Grube aus, vergräbt die zerstörten Reste.

Das andere, das Wertvolle, legt er vorsichtig zu ihren Sachen, geschützt in der festen Truhe.

Noch sind sie sich fremd. Es ist ein Leben nebeneinander, gemeinsam aber getrennt, nur wenig verbindet sie.

Eines Morgens betritt sie den Stall um wie jeden Tag die Tiere zu füttern.

Sie sieht das Unheil, sieht den Schrecken.

Die Ziegen gerissen, die Hühner getötet, Blut an den Wänden.

Niemand hat sich retten können.

Der letzte Rest an Besitz, der ihr verblieben ist, ist vernichtet.

Wölfe sind in der Nacht eingedrungen, haben alles Lebendige zerrissen, gefressen, getötet. Der graue Feind, der Schrecken der Bauern im ganzen Tal, hat sie in dieser Nacht gefunden.

Sie versteht, dass ihr Leben, bescheiden und armselig so wie es ist, endgültig vorbei ist. Der Hunger wird in ihr Haus einziehen und alles vernichten.

Sie wird alles aufgeben müssen, ihren Grund und Boden wird sie verlassen. Das Haus, den Stall, ihren kleinen Garten, den Steinpfad zur Quelle. Alles wird sie hinter sich lassen. Sie wird in die nächste Siedlung ziehen und dort um Aufnahme als einfache Magd bitten.

Selbst jetzt, hier, am Ende von allen, hat sie nicht die Kraft zu weinen. Keine Tränen. Keine einzige.

Er findet sie auf der Wiese vor dem Haus. Blickt sie an, schaut auf das Haus, schaut auf den Stall. Findet das Unglück, begreift ihren Schmerz. Steht wieder vor ihr, schweigend, er hat keine Worte um sie zu trösten.

Diese Welt kennt keine Gerechtigkeit. Diese Welt kennt nur den Krieg, die Gier und die Zerstörung. Der Starke herrscht über das Schwache. Der Fürst zieht in den Krieg, der Krieger plündert und rafft, das Raubtier frisst sich satt an seiner Beute.

Diese Welt kennt keine Gerechtigkeit. Kein Gott wandelt auf der Erde, um den Menschen zu ihrem Recht zu verhelfen.

Diese Welt kennt keine Gerechtigkeit. Kein goldener Engel greift nach seinem Flammenschwert um die Schwachen, die Unschuldigen zu verteidigen.

Kein Engel.

Ein Engel.

Der gefallene Engel.

Er geht in die Hütte, öffnet die Truhe, greift nach seinen Waffen.

Drei Tage und drei Nächte bleibt er verschwunden.

Oft geht sie vor die Hütte um Ausschau nach ihm zu halten. Aber es ist nichts von ihm zu sehen.

In der Nacht steht sie auf. Lauscht in die Nacht. Schaut in die Nacht.

Nichts. Nichts zu sehen.
Ein Blitzschlag!

Blitze am Berg!

Gleißende, grelle Lichtstrahlen durchschneiden für Augenblicke die Dunkelheit der Nacht. Lichtstrahlen an den Berghängen, in den Wäldern. Lichtstrahlen rasen durch die Nacht. Treffen auf unbekannte Ziele, brennen, vernichten, strafen.

Magische Blitze am Arenkur, ohne Donner, ohne Gewitter. So als wäre einer der Götter herab gestiegen auf die Erde und würde seine himmlischen Waffen gegen seine Feinde schleudern.

Ein neuer Tag. Keine Lichtblitze sind zu sehen. Ruhe über dem Arenkur.

Aber etwas hatte sich verändert. Das spürt Sie. Es liegt eine Spannung über dem Berg. Untertags fliegen keine Vögel, keine Tiere zeigten sich.

Es ist, als würde der Berg selbst den Atem anhalten. Als hätten selbst die Elemente Angst, Angst vor dem neuen Raubtier, dass den Berg durchstreift.

Ein neues, mächtiges Raubtier. Mächtiger als jeder menschliche Jäger, gnadenlos wie eine Naturgewalt, unaufhaltsam.

Kein Versteck wird die grauen Jäger retten.

Drei Tage vergehen. Drei Nächte.

Dann zur Mittagszeit sieht sie ihn. Müde und abgekämpft geht er langsam auf den Hof. Noch immer tritt er mit einem Bein leicht hinkend auf.

Er sieht sie an und sagt etwas zu ihr, in seiner fremden, funkelnden Sprache.

Sein Körper ist müde, aber seine Augen strahlen. Und wieder sieht sie in seinen Augen das goldene, tanzende Feuer.

Sie versteht nicht seine Sprache, aber sie versteht die Sprache seiner Augen. Seine Augen sehen sie an. Nur sie.

Und sie weiß. Sie weiß dass die Gefahr vorbei ist. Sie weiß, dass es keine Wölfe mehr am Arenkur gibt. Für viele Jahre wird es keine Wölfe mehr geben. Der graue Schrecken, er ist beseitigt.

Sie geht auf ihn zu und umarmt ihn. Und er umarmte Sie.

Zum ersten Mal, seit vielen Jahren, ist ihre Welt in Ordnung.

Zu groß war die Erschütterung am Berg gewesen, zu auffällig seine Taten. Es konnte nicht mehr geheim gehalten werden.

Einige Tage später sieht sie ein Gruppe von Männern von der nächsten Siedlung. Scheu und unschlüssig stehen sie in einiger Entfernung vor ihrer Hütte. Schauen, schieben sich gegenseitig vor, reden aufeinander ein. Keiner tritt vor.

Er sieht sie draußen stehen, will zu ihnen. Sie versucht ihn zurück zu halten, doch er schiebt sie zur Seite.

Öffnet die Türe, zeigt sich, geht hinaus zu den Männern.

Stolz tritt er auf sie zu, unterdrückt sein leichtes Hinken. Steht vor ihnen, sieht sie an.

Einer nach dem anderen senkt seinen Blick.

Er spricht zu ihnen, in seiner fremden Sprache, hebt die Hände, breitet die Arme aus.

Der goldene Engel, der Krieger des Himmels, spricht zu ihnen.

Die Männer knien sich vor ihm nieder. Einer nach dem andern.

Dann stehen Sie auf und gehen zurück in ihre Siedlung.

Er kommt zu ihr in die Hütte, umarmt sie. Sie hält ihn fest, aber sie weiß, ihre gemeinsame Zeit ist vorbei.

Noch am gleichen Tag erscheinen die Ältesten des Tales. Auch sie wagen nicht, die Hütte zu betreten.

Ein langes Gespräch, bis tief hinein in die Nacht. Sie entzünden ein Feuer an der offenen Feuerstelle, Fackeln erhellen die Nacht. Die Kälte, der Wind, all das scheint sie nicht zu stören.

Lange, lange sprechen sie miteinander. Zeigen, deuten, malen mit Stöcken in der Asche. Langsam, langsam kommt ein Verstehen.

Tage darauf erscheint eine Gruppe von jungen Männern. Sie bringen Gerätschaften, Tiere, Vorräte.

Sie fangen an, die Hütte auszubessern, den Stall zu verbreitern, die Zäune zu erneuern. Wochen und Wochen arbeiten sie auf ihrem kleinen Hof. Das Haus wird ausgebessert, die Vorräte vermehrt. Noch nie hatte so ein Reichtum Einzug gehalten in ihrem kleinen Hof.

Alle paar Tage müht sich einer der Ältesten von dem Dorf hinauf zu ihnen. Manchmal alleine, manchmal in Begleitung von anderen Dorfältesten aus den umgebenden Orten. Lange sitzen sie gemeinsam mit dem Engel. Fragen, sehen, staunen.

Sie wagt zu hoffen. Hoffen, dass so ihr Leben sein würde. Gemeinsam, geachtet, ohne Sorgen.

Es sind goldene Monate. Sie leben zusammen als Mann und Frau. Wort für Wort lernt sie seine Sprache. Schreibt seine Schrift, teilt sein Leben.

Er erzählt ihr von seiner Welt. Seiner Zeit. Manches versteht sie, andere Wörter bleiben ihr für immer fremd. Er spricht zu ihr von der goldenen Kugel, dem Kreis der Zeit, dem Kampf um die Zeit.

Manchmal vergisst er, dass sie keine von seinen ist, spricht schneller und schneller, gestikuliert, erklärt, gerät in große Aufregung.

Sie verseht seine Worte nicht, aber sie versteht ihn. Sie ist seine Gefährtin, sie liegt neben ihm, er ist ein Teil von ihr.

Zwei ist eins.

Die Zeit verschwindet nicht, sie dreht sich. Woche dreht sich in Woche, Monat dreht sich in Monat, Jahr dreht sich ins Jahr.

Der Arenkur, schneebedeckt, unpassierbar.

Der Arenkur, glänzend, tauend, mit eiskalten Wassern, dass eilig ins Tal springt.

Der Arenkur, voller frischem Grün, Insekten summen über bunte Blüten.

Der Arenkur, mächtig, im vollen Saft der Bäume, Schwärme von aufgeregt zwitschernder Vögel, die geschäftig über den Himmel huschen.

Der Arenkur, buntes Laub bedeckt den Boden, die Sonne steht tief, im goldenen Herbst.

Das Rad der Zeit dreht sich, dreht sich in sich selbst, spinnt die Zeit, wird zur Zeit. Das Rad steht niemals still.

Licht vor dem Hof. Glänzendes, goldenes Licht. Scharf, ohne Flackern, es erhellt die Nacht. Die Nacht verschwindet.

Das Geräusch von Metall, Fußtritte, ein tiefes Brummen, unmenschlich, metallisch, hungrig, gierig.

Sie weiß was passiert, hat es immer gewusst.

Sie sind gekommen. Seine Gefährten, um ihn zu holen. Zurück in ihre Welt.

Er umarmt sie. Drückt sie an sich. Spricht mit ihr. Zärtliche Worte.

Aber sie hört nicht, hört kein einziges Wort. Kann nicht verstehen, will nicht verstehen.

Er dreht sich um, macht sich los von ihr, geht nach draußen. Die Stube, plötzlich leer, still. Unendlich groß ist alles um sie herum, so unendlich groß. Denn alles ist leer.

Sie selbst ist klein, ein Schatten.

Ein Schatten ohne Licht.

Auch jetzt keine Tränen.

Nur Kälte, eisige Kälte. Wie kann es sein, dass ein lebendiger Körper so kalt ist? So ohne Leben?

Sie lebt weiter, ohne Willen. Lebt, weil sie gewohnt ist zu leben. So wie es vorher war. Arbeit, die getan werden muss. Schmerzen, Kälte, Erschöpfung.

Das Leben ist wieder das, was es war. Die Träume sind verschwunden. Das Gold der Träume verblasst. Das Licht wieder nur ein gewöhnliches Licht, das Licht der Kerzen zittert im Wind.

Sie vergisst die Zeit. Aber die Zeit dreht sich weiter. Verändert alles.

Wochen später verändert die Zeit sie. Ihren Körper.

Veränderung. Wachstum. Neues Leben wächst. Wächst in ihr.

Die Frauen aus der Siedlung helfen ihr. Begleiten sie, schützen sie.

Eine neue Wärme breitet sich auf dem Hof aus.

Erwartung. Hoffnung. Freude.

Ein Tag der Freude, ein Tag der Ankunft.

Das Kind öffnet seine Augen.

Sieht auf zu ihr, seine Augen blau wie der Himmel, in seinen Augen tanzt das goldene Feuer.

Mit seiner Hand umklammert das Kind ihren Finger.

Und so, zum ersten Mal seit Jahren, kommen die Tränen.